Interview mit Dr. Christiane Nill-Theobald
 

Warum sprechen Sie in Ihrem Buch von der „neuen Lust auf Leistung“?

Dr. Christiane Nill-Theobald: Der Begriff „Leistung“ hat in den letzten Jahrzehnten eine negative Entwicklung durchgemacht. Dies liegt nicht zuletzt an der Gedankenkette „Leistung, Leistungsdruck, Burnout“.

  Die neue Lust auf Leistung bedeutet gerade nicht, dass wir alles aus unserer Zeit herausholen, jede Minute verplanen und uns noch bei der kleinsten Kaffeepause vorwerfen, es sei doch eigentlich besser, weiter zu arbeiten.

So war das in der New Economy -  Workaholics haben die letzten 15 Jahre gearbeitet, bis ihre Kartenhäuser auf den Finanzmärkten zusammengebrochen sind. Nein, Leistung, die lebendig macht, macht auch Lust, an sich selbst zu denken. Es geht um die Frage: Wie können wir uns gemäß unseren Talenten und Interessen mit Freude im Arbeitsleben einbringen? Wir brauchen m.E. eine neue Leistungskultur des Miteinanders.

Weshalb ist Ihrer Meinung nach die Fokussierung auf den Erfolg eher hinderlich dabei, die Lust auf Leistung zu wecken?

Dr. Christiane Nill-Theobald: Das ist ein großes Thema. Welche Gleichung gilt denn? Erfolg durch Leistung oder Leistung durch Erfolg? Die Frage, ob jemand seinen Erfolg auch verdient hat, spielt heutzutage eine immer geringere Rolle. Der Soziologe Sighart Neckel hat sogar diagnostiziert, dass soziale Anerkennung in unserer heutigen Gesellschaft immer stärker von bloßem Erfolg und dem zur Schau gestellten Status abhängt. Die Folge sei ein regelrechter „Erfolgskult“, samt Begleiterscheinungen wie Promi- oder Starkult. Leistung verliert - laut Neckel - als Grundlage für soziale Anerkennung an Bedeutung.

Besinnen wir uns doch einmal auf das Wesen der Leistung: Die physikalische Formel lautet: Leistung ist Energie pro Zeit! Wenn nur der Erfolg zählt – oder sogar nur der Lifestyle des Erfolgs – dann sind die (fragwürdigen) Abkürzungen irgendwann attraktiver als der Weg über die Leistung. Der Schuss geht dann nach hinten los: Mit wenig Zeit und geringem Energieaufwand soll das Maximum erreicht werden. Fast noch bedenklicher ist es, wenn gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Einfluss immer weniger nach Leistung vergeben werden. Verstehen Sie mich bitte richtig: Sie und ich können die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht von heute auf morgen ändern, aber wir haben die Wahl, ob und inwieweit wir uns von fragwürdigen sozialen Leitbildern beeinflussen lassen. Wer sich vom heutigen gesellschaftlichen Mainstream mitreißen lässt und nur auf der Erfolgswelle mitschwimmen möchte, dem muss fast zwangsläufig die Lust auf Leistung vergehen. Doch ohne Leistung gibt es auf Dauer auch keinen Lebensgenuss.

Apropos „Erfolg“: Sie haben eine beachtliche Karriere unterschiedlichster „Couleur“ hinter sich. Warum haben Sie eine glänzende Karriere in der Wirtschaft  aufgegeben und sind Coach geworden?

Dr. Christiane Nill-Theobald: Oh, da sind wir bei einem meiner Lieblingsthemen: Wer definiert denn, was Erfolg ist? Definiert das Ihre Bank oder Ihr Steuerberater anhand Ihres Einkommens? Definieren das die Medien, indem sie uns ständig Bilder von erfolgreichen Menschen präsentieren, mit denen wir uns vergleichen? Definieren das Freunde, Familie oder Nachbarn mit ihren Erwartungen an uns? Oder definieren wir das weitgehend selbst, aus unserer subjektiven Perspektive? Darüber nachzudenken, lohnt sich.

Obige Frage müssen Sie deshalb auch anders stellen: Warum habe ich eine vielversprechende (auch gerne „glänzende“) Angestelltenkarriere aufgegeben und mich selbstständig gemacht und zwar zunächst als Beraterin. Ich denke, dass mich hier die Sehnsucht nach Freiheit getrieben hat und der Frust über das rund-um-die-Uhr für andere verfügbar zu sein, sein Übriges getan hat. Ganz nervig war für mich auch zu sehen, dass der „Input“ oftmals auf der Strecke bleibt. Ich war müde von quälenden Abstimmungsprozessen bzw. den „Hemmschuhen“, die meine Innovation im Keime erstickt haben. Geradezu Reizwörter für mich waren „Wiedervorlage“ bzw. „Planungsrunde“.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Die Selbstständigkeit ist keine Pauschallösung eines zufriedenen Arbeitslebens, sondern es war die für mich beste Lösung. Außerdem  habe ich schon sehr früh gemerkt, dass ich als Selbständige mehr erreichen kann – vielleicht deshalb, weil ich ein innovatives Menschenkind bin und laut Kollegen recht fix im Denken. Natürlich ist das Stundenbudget nicht geringer geworden, aber der „Output“ ist eben ein viel größerer. Oder sagen wir mal so: „Input“ steht im Verhältnis zum „Output“. Ich war nie ein Mathematikfreak, aber diese Gleichung gefällt mir.

Während meiner Beratungstätigkeit habe ich dann gemerkt, dass man mit Coaching in bestimmten Fällen bessere Ergebnisse erreichen kann. Oder sagen wir so: Die Beratungsseite kann sehr gut durch das Coaching ergänzt werden. Was mich von Anfang an total am Coaching begeistert hat, war die Nähe zu den Menschen. Die ist mir oftmals bei den „abstrakten“ Beratungsprojekten abhandengekommen. Ich habe mich dann zum „Professional Business Coach“ ausbilden lassen. Heute zähle ich Top-Führungskräfte zu meinen Kunden und bin mit vielen ehemaligen Coachees inzwischen freundschaftlich verbunden. Ich finde, ich übe eine der schönsten Tätigkeiten aus, die es gibt. Und soll ich Ihnen etwas verraten: Ich bin sogar noch erfolgreicher, weil ich zufriedener bin.

Sie selbst sprühen vor Energie  und üben harsche Kritik gegenüber sogenannten „Entpower-Lösungsansätzen“ wie z.B. “Aussteigen“ oder „Work-Life-Balance“. Sie sprechen in Ihrem Buch sogar von „Mehr leisten, mehr leben“. Was meinen Sie damit konkret?

Dr. Christiane Nill-Theobald: Zunächst einmal respektiere ich die Entscheidung von Menschen, komplett andere berufliche Wege einzuschlagen oder ein materiell einfacheres Leben zu versuchen. Jeder ist sein eigener Herr und seines Glückes Schmied. Aber als Coach bin ich fest davon überzeugt, dass ein Ausstieg in den meisten Fällen keine gute Lösung ist. Der Wunsch, „alles hinzuschmeißen“ und etwas „ganz anderes“ zu machen, kann sogar erst dadurch entstehen, dass wir positivem Veränderungsdruck über längere Zeit ausgewichen sind.

Das merke ich bei meinen Coaching-Klienten oftmals. Bevor wir den Drang verspüren, uns komplett auszuklinken, haben wir eine Chance nach der anderen vergeben, innerhalb des bisherigen sozialen Rahmens eine Wende herbeizuführen. Das Aussteigertum hat dann etwas von einer panischen Flucht aus Leben. Und das finde ich schade! Denn die Kehrtwende im Sinne von „schwarz“ zu „weiß“ birgt oftmals einen enormen Kraftaufwand, der sich durch das Leben mit Grautönen abdämpfen ließe, und zwar durch Erlangung eines adäquaten Zufriedenheitslevels.

Das Konzept der „Work-Life-Balance“ teilt das Leben meiner Meinung nach künstlich in zwei Hälften. Das halte ich für absurd. Viel problematischer ist aber, dass dieses Konzept auf Dauer sogar unglücklich machen kann. Work-life-Balance erfreut sich nach meiner Beobachtung nicht zuletzt deshalb anhaltender Popularität, weil sich damit wunderbar von Problemen ablenken lässt. Wenn wir ehrlich zu uns selbst wären, müssten wir uns oft eingestehen, dass unserem Leben die ganzheitliche Harmonie fehlt.

Und das vor allem weil wir nicht bereit sind, selbst die Verantwortung für unser gesamtes Leben zu übernehmen. Aus Bequemlichkeit verharren wir zum Beispiel in unangenehmen Jobsituationen. Es scheint einfacher, nach mehr Work-Life-Balance zu streben, als grundsätzlich etwas zu verändern! Das ist meine Meinung als Coach. Meinem Credo „Mehr leisten, mehr leben“ ist ein ganzes Kapitel im Buch gewidmet. Die kurze Antwort dazu lautet: Wer Arbeit als Übel betrachtet und Freizeit als „Gegengift“, hat schon verloren.

Verstehe ich Sie richtig, Sie fordern dazu auf,  den Job anzunehmen und dort Zufriedenheitsdefizite abzubauen - anstatt, wie viele Ratgeber verkünden, mal schnell zu kündigen oder gar ihre eigene Firma zu gründen?

Dr. Christiane Nill-Theobald: Genau, so ist es. Viele Berufstätige, die sich am Montag lustlos zur Arbeit schleppen, wissen oftmals gar nicht, warum das so ist. Sie haben zwar ein ungutes Gefühl, aber diese Emotion bleibt diffus. Warum fangen die Menschen nicht an, sich ihre Leistungslust zurück zu erobern? Die Wenigsten machen sich die Mühe, den eigenen Zufriedenheitsdefiziten auf die Spur zu kommen. Zufriedenheit lässt sich nicht auf Knopfdruck herstellen. Sie muss wachsen. Es ist jedoch nötig, diesem Wachstum Raum zu geben. Der erste Schritt ist dabei immer das Eingeständnis der eigenen Unzufriedenheit. Es bedarf oftmals nur kleiner Schritte. Die großen Schritte machen überdies nur Angst und halten davon ab, überhaupt etwas zu ändern.

Wie sehen diese kleinen Schritte aus?

Dr. Christiane Nill-Theobald: Ich rate  jedem einmal eine Art „Zufriedenheitsplanung“ aufzustellen. Dabei können Sie sich an den folgenden Schritten orientieren:

1. Finden Sie zunächst heraus, was Ihre Zufriedenheitsdefizite sind. Womit sind Sie unzufrieden?

2. Priorisieren Sie, welches das größte bzw. das störendste Zufriedenheitsdefizit ist. Welche folgen als Nächstes?

3. Setzen Sie jedem Zufriedenheitsdefizit ein „Zufriedenheitssurrogat“ gegenüber. Was würde Sie an dieser Stelle zufrieden machen? Das „Zufriedenheitssurrogat“ ist ein Ziel im Sinne der SMART-Formel:

S – spezifisch (also kein vager Wunsch)

M – messbar (Testfrage: Woran genau merke ich, dass ich das Ziel erreicht habe?)

A – attraktiv (Ziel soll positiv formuliert sein)

R – realistisch

T – terminiert (Bis wann will ich das Ziel erreicht haben?)

4. Überlegen Sie, ob Sie Menschen haben, die Sie in Ihrer Zielerreichung unterstützen können.

Sie erteilen der „Selbstverwirklichung im Beruf“ eine Absage und sprechen dagegen von der „Selbstentfaltung“. Ist das nicht Wortklauberei? Was meinen sie damit?

Dr. Christiane Nill-Theobald: Selbstverwirklichung bedeutet, ausschließlich oder in erster Linie an sich selbst zu denken. Wer auf dem „Selbstverwirklichungs-Trip“ ist, will nur das tun, wozu er Lust hat, was ihm Spaß macht und ihm gerade einfällt. Das können sich nur die wenigsten leisten. Einige halten das für  die maximale Freiheit. In Wirklichkeit ist diese Einstellung aber maximal kindlich.

Kinder halten sich für den Mittelpunkt der Welt und folgen ihren spontanen Impulsen. Für die kindliche Entwicklungsphase ist das auch in Ordnung. Als Erwachsene wissen wir: Der Selbstverwirklichung sind Grenzen gesetzt. Die wesentliche Grenze sind die anderen Menschen, die es eben auch noch gibt. Im Gegensatz zu Kindern übernehmen Erwachsene Verantwortung für andere Menschen. Stellen sie sich mal ein Unternehmen vor, indem jeder auf dem Selbstverwirklichungstrip wäre! Das Ergebnis liegt auf der Hand: Chaos pur.

Und deshalb spreche ich von „Selbstentfaltung“, die im Gegensatz zur Selbstverwirklichung nicht auf Kosten anderer möglich. Im Gegenteil: Der Begriff bringt zum Ausdruck, dass wir unsere Talente, Anlagen und Potenziale erst gemeinsam mit anderen überhaupt voll entfalten können. Denn Selbstentfaltung kann gerade in der Zusammenarbeit mit anderen erst im höchsten Maße stattfinden. Der Mensch ist ein soziales Wesen, das den anderen Menschen braucht, um zu wachsen und sich zu verwirklichen. Der Religionsphilosoph Martin Buber hat diese Wahrheit treffend beschrieben: „Der Mensch wird am Du zum Ich“. Selbstentfaltung in der Organisation bedeutet, dass die Mitarbeiter die eigenen Stärken mit den Unternehmenskompetenzen in Einklang bringen.

Kontakt: Dr. Christiane Nill-Theobald, http://www.nill-theobald.de - Treffen Sie Frau Dr. Nill-Theobald auch auf dem Assistentinnen-Kongress 2015.

Kontakt. Ingrid Della Giustina, Senior Konferenz Managerin EUROFORUM | XING
 

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